Schulprojekte
Extremisten tragen nicht immer Sprengstoffgürtel
 
Herrenberg: Neuner der Jerg-Ratgeb-Realschule lernen mit Theater Gefahren der Radikalisierung kennen
 
von Thomas Morawitzky, Gäubote Herrenberg, 19.05.2017
 
betreuende Lehrerin: Silke Würth
 
2017-05 Achtung 03 web
Unterschiedliche Gründe, dasselbe Ergebnis: Lina (Laura Pletzer)
gleitet in die rechtsextreme Szene ab, Tarek (Daniel Neumann) schließt sich den Salafisten an GB-Foto: Holom
 

Lina und Tarek kennen sich von Kindesbeinen an. Nun führen ihre Wege auseinander: Während sie ins rechtsextreme Milieu abdriftet, schließt er sich radikalen Islamisten an. "Achtung?!" heißt das Theaterstück, das die neunten Klassen der Herrenberger Jerg-Ratgeb-Realschule gestern im Rahmen ihrer Projektwoche erlebten.

Das Ludwigsburger Theater Q-rage ist es, das die Geschichte von Lina und Tarek in den Räumen der Christuskirche Herrenberg aufführt. Daniel Neumann und Laura Pletzer spielen Tarek und Lina, die beiden Jugendlichen, die sich voneinander entfernen, Halt suchen - und ihn bei den falschen Leuten zu finden glauben.

"Achtung?!" ist ein Zwei-Personen-Stück, in das immer wieder Filmbilder eindringen. So können die Schüler der Jerg-Ratgeb-Realschule (JRS) miterleben, wie Lina ein Konzert der rechtsextremen Szene besucht, wie Tarek seine Eltern von sich stößt und sich den Salafisten anschließt, sehr anschaulich gespielt und gar nicht abgehoben. Das Bühnenbild stellt dabei die Zimmer von Lina und Tarek dar. Die beiden Darsteller schlüpfen auch in die Rollen der Verführer: Aus Daniel Neumann wird der Neonazi Tom. Der Song "Die Zeit ist reif" donnert dazu vorbei, ein Stück aus einem anderen Modul des großen Präventionsprojekts, mit dem das Polizeipräsidium Ludwigsburg in dieser Woche an der JRS zu Gast ist.

Noch bis 2. Juni ist im Schulfoyer in Zusammenarbeit mit der Polizei und der Stiftung Weltethos, die der bekannte Tübinger Theologe Professor Hans Küng ins Leben gerufen hat, die Ausstellung "Weltreligionen - Weltfrieden - Weltethos" zu sehen; zum Wochenstart hat die intensivere Präventionsarbeit mit einem Elternabend zum Thema Extremismus begonnen (der "Gäubote" berichtete).

Am Dienstag dann war die Klassenstufe acht nach Böblingen gefahren, um dort den Kinofilm "Tschick" zu sehen - und über ihn zu sprechen. Nun sollen die Neuntklässler die Radikalisierung von Jugendlichen durch ein Theaterstück erleben und zum Nachdenken angeregt werden.

Dazu treten Neumann und Pletzer immer wieder aus ihren Rollen hinaus, gehen auf ihre jungen Zuschauer zu, beziehen sie ins Spiel mit ein, leiten sie an zur Reflexion. "Warum läuft Lina Tom hinterher?", fragt Neumann in die Runde.

Die Antwort liegt auf der Hand, in Herrenberg so sehr wie in den zehn anderen Städten, in denen Q-rage "Achtung?!" schon aufgeführt hat. Linas Weg in die rechtsextreme Szene beginnt damit, dass sie sich einsam fühlt, seit sie mit ihrer Familie in ein bayrisches Dorf gezogen ist - und dort keinen Anschluss finden kann. Doch Lina möchte dazugehören, wertgeschätzt werden.

Ihren alten Freund Tarek dagegen plagen ganz andere Probleme - mit demselben Ergebnis: Er zählt zu den Bildungsverlierern, die in der Schule nicht zurechtkommen. Auch er will nicht abseitsstehen, sucht sein vermeintliches Heil bei den Salafisten, die wie zu Zeiten des Propheten Mohammeds leben wollen und den Koran wortgetreu auslegen.

Q-rage haben ihr Theaterstück in Zusammenarbeit mit dem Polizeipräsidium entwickelt; es ist nicht das erste Präventionsstück der Ludwigsburger Gruppe, es ist pointiert, mitunter komisch - und doch aufrüttelnd. Jörg Pollinger, der die Theatergruppe gemeinsam mit Sandra Hehrlein leitet, erzählt von den Erfahrungen, die er bei unterschiedlichen Aufführungen gemacht hat: "Schüler der Werk- und Realschulen", hat er wahrgenommen, "reagieren emotionaler auf das Stück als Gymnasiasten. Aber das ist nur eine Tendenz. Größer ist der Unterschied zwischen den Schülern in der Stadt und auf dem Land. Auf dem Land sind die Kids tatsächlich noch Kids; in der Stadt werden sie viel schneller erwachsen."

Auch bei den Herrenberger Schülern ist "Achtung?!" positiv eingeschlagen. 135 Jugendliche besuchen die neunten Klassen der Jerg-Ratgeb-Schule - nach der Vorstellung teilen sie sich in Gruppen auf, diskutieren in der großen und der kleinen Runde. Das "Team meX" moderiert das Gespräch, eine freiberufliche Gruppe, die sich auf Präventionsarbeit spezialisiert hat und mit der Landeszentrale für politische Bildung zusammenarbeitet - auch sie gehört zu den Kooperationspartnern des Polizeipräsidiums. Das hat zu Schuljahresstart das Projekt "Gegen Extremismus und Radikalisierung" begonnen, das zunächst einmal innerhalb von zwei Schuljahren an insgesamt 40 Schulen Station machen soll. Die beiden Polizistinnen Andrea Glück und Türkan Karakus begleiten das Projekt.

Besondere Betroffenheit erzeugen

Für Alexander Riegler, der die Jerg-Ratgeb-Schule gemeinsam mit Silke Würth leitet, verstärkt gerade das Theater die Wirkung der Präventionsarbeit sehr nachhaltig. "Es erzeugt eine Betroffenheit, die wir in den Klassen nicht schaffen können", sagt er. Eine Radikalisierung - egal ob rechts-, linksextremistisch oder islamisch motiviert - sei meist ein leiser Prozess. "Extremisten", benutzt Glück ein griffiges Beispiel, "tragen nicht immer einen Sprengstoffgürtel." Was zudem erschwerend hinzukommt: "Wenn die Schüler Meldungen über Attentate in den Nachrichten sehen, dann ist das sehr weit weg für sie. Es ist aber wichtig, dass sie lernen, die Grenze zu sehen, die Religion von einer politischen Ideologie trennt."

(Artikel erschienen am 19.05.2017 im Gäubote Herrenberg. Wir danken der Redaktion des Gäubote für die freundliche Genehmigung des Nachdrucks. Siehe auch www.gaeubote.de).