
Kein Schulfest ohne leckere Begleitung:
Die Jerg-Ratgeb-Realschule Herrenberg feiert ihren 60. Geburtstag. GB-Foto: Schmidt
„1985" steht auf einem kleinen Aufkleber, den sich ein ehemaliger Schüler beim Jubiläumsfest an die Brust geheftet hat. Neben ihm trägt eine Frau die „2003". Auf einem anderen Foto stehen drei junge Frauen nebeneinander: „2024", „2025" und „2026". Abschlussjahrgänge, die Jahrzehnte aus-einanderliegen und an diesem Tag plötzlich wieder zusammengehören. 60 Jahre Jerg-Ratgeb-Realschule - das sind eben nicht nur sechs Jahrzehnte Schulgeschichte. Es sind Generationen.
Auf dem Schulhof sind die Bierbänke voll besetzt, die Bläserklassen spielen, in den Gängen begegnen sich ehemalige und heutige Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte. Eine Fotobox hält Wiedersehen fest. Dabei begann die Geschichte der heutigen JRS lange vor Tablets und, digitalen Tafeln.
Der Förderverein macht mit Unterstützung vieles möglich
Einer, der ihre Anfangsjahre miterlebt hat, ist Helmut Kaulfuß. Im März 1963 kam der frisch ausgebildete Lehrer nach Herrenberg. Damals wurde an der Albert-Schweitzer-Schule ein Mittelschulzug eingerichtet - zunächst mit 42 Schülerinnen und Schülern in einer fünften Klasse. Eigentlich unterrichtete Kaulfuß Englisch und Geografie. Als später ein Mathematiklehrer fehlte, musste jemand einspringen. Niemand meldete sich. Kaulfuß übernahm - und leitete später sogar die Fachgruppe Mathematik. Zwischen diesem Schulalltag und dem Unterricht von heute liegen Welten. „Da gab es noch keine Computer in der Schule", sagt Kaulfuß rückblickend.
Doch Schulgeschichte erzählt nicht nur von Technik. Im Treppenhaus leuchtet eine besondere Verbindung zum Namen der Schule: eine von Schülerinnen und Schülern geschaffene Nachbildung von Jerg Rat-gebs Herrenberger Altar. Ratgeb malte das monumentale Werk zu Beginn des 16. Jahrhunderts für die Herrenberger Stiftskirche.
Dass Schule vor allem von Menschen geprägt wird, zeigt Gerhard Stocker. Heute ist er Vorsitzender des Fördervereins, 1964 kam er selbst zum damaligen Mittelschulzug. Bei der Aufnahmeprüfung hatte er die notwendige Punktzahl zunächst nicht erreicht. Trotzdem bekam er eine Chance.
Eine Entscheidung mit Folgen: Stocker entwickelte sich zum Klassenbesten und blickt heute auf einen erfolgreichen beruflichen Weg zurück. Zeitweise führte er als Manager fast 900 Mitarbeiter. „Die haben mein Potenzial erkannt", sagt er über seine damaligen Lehrer. Für ihn wurde die Schule zum Türöffner.
Vielleicht erklärt das, weshalb er ihr bis heute verbunden geblieben ist. Mehr als 800 000 Euro seien in den vergangenen 29 Jahren über den Förderverein in mehr als 800 Projekte geflossen, berichtet Stocker, allein im vergangenen Jahr rund 50 000 Euro. Mediathek, Begegnungsräume, Klassenfahrten, Bläserklassen oder Demokratieprojekte - vieles wäre ohne diese Unterstützung kaum möglich. Rektor Alexander Riegler nennt den Verein eine „Säule der Schule im Hintergrund".
Wie stark Schule auch außerhalb des Klassenzimmers prägen kann, verkörpert Jürgen Schulz. 1968 kam er als Sportlehrer an die Schule und blieb bis 2010. Da war etwa das Skischullandheim in Steinhaus im Ahrntal in Südtirol. Für die Neunt- und Zehntklässler opferte er eine Woche seiner Weihnachtsferien, damit sie möglichst wenig Unterricht versäumten. Die Verbindung wurde so eng, dass Schulz in Steinhaus nach eigener Erinnerung sogar zum Ehrenbürger ernannt wurde.
Anfang der 1980er Jahre kamen Surf-Schullandheime am Bodensee hinzu. Schulz, der selbst eine Surfschule betrieb und die Ausrüstung besaß, brachte den Schülerinnen und Schülern den Sport bei. Fast alle seien am Ende mit einem Surfschein nach Hause gefahren. Ski, Snowboard, Klettern und Trampolin - Bewegung gehörte für ihn zum Schulleben. Mit einigen Schülerinnen und Schülern landete er im Trampolintumen sogar weit vorne bei Deutschen Meisterschaften.
Das Rock-Pop-Konzert verband wiederum über Jahre Musik und Tanz. Heute existieren die Musik- und Tanzmodule weiterhin, erklärt Konrektor Yavuz Ata, präsentieren sich jedoch in veränderten Formaten. Die Bläserklassen stehen beim Frühjahrskonzert auf der Bühne. Manches Vertraute lebt so in neuer Form weiter.
Ähnlich verhält es sich mit dem Berufsinformationsmarkt: Fast zwei Jahrzehnte fand er an der JRS statt. Inzwischen hat die Stadt die Federführung übernommen, nahezu 100 Unternehmen präsentieren sich Jahr für Jahr in zwei Sporthallen. Gleichzeitig entstehen neue Formen des Schullebens. Die SMV entwickelte einen „School's Out Day", es gibt Faschingspartys und Arbeitsgemeinschaften von Robotik und Schach bis hin zu Theater. Im nun zu Ende gehenden Schuljahr kam eine Schülerradio-AG hinzu.
Doch der Wandel reicht tiefer. Für Riegler gehört die Digitalisierung zu den großen Umbrüchen. Gleichzeitig spiegeln sich gesellschaftliche Herausforderungen unmittelbar in der Schule wider: Krisen, kriegerische Auseinandersetzungen und ein sich veränderndes Verständnis von Gemeinschaft und Demokratie. Schule müsse darauf reagieren. Das geschieht etwa durch Demokratiebildung und Kooperationen mit außerschulischen Partnern. Auch die Realschule selbst hat sich verändert: Heute können unter ihrem Dach sowohl der Hauptschul- als auch der Realschulabschluss erworben werden.
Und doch bleibt die Frage, was einen Ort eigentlich zur Schule macht. Riegler nennt die Mediathek als einen seiner besonderen Orte. Schülerinnen und Schüler können dort lernen, spielen, ihre Pause verbringen und sich begegnen. Auch der neue Verwaltungsbereich sei, bewusst auf Kommunikation ausgerichtet. Aus einer klassischen, in den Hang gebauten „Flurschule" seien so kleine Oasen der Begegnung entstanden.
Noch wichtiger ist für Riegler jedoch etwas, das sich nicht bauen lässt. Was die Jerg-Ratgeb-Realschule ausmache, sei , die „großartige Gemeinschaft" und die vielen helfenden Hände: Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte, Partner - und immer wieder Ehemalige. Gerade deren Verbundenheit reiche „weit, weit über die Schulzeit hinaus".
(Artikel erschienen am 28.07.2026 im Gäubote Herrenberg. Wir danken der Redaktion des Gäubote für die freundliche Genehmigung des Nachdrucks. Siehe auch www.gaeubote.de).